Auf zum Meeresgrund – Pêche à pied bei der Passage du Gois

Als die Wellen sich zurückzogen, ging es los …

Auf dem Weg in die Vendée wollten wir uns ein besonderes Erlebnis nicht entgehen lassen: Die Überquerung der sagenumwobenen Passage du Gois. Diese Passage verbindet das französische Festland mit der Insel L’Île de Noirmoutier. Jedoch ist die Passage nicht jederzeit befahrbar.

Mit dem Auto das Meer durchqueren über die Passage du Gois

Mit dem Auto das Meer durchqueren über die Passage du Gois

Allein die Natur entscheidet, wann der Mensch diesen Weg zur Insel nehmen kann. Lediglich bei Ebbe ist dies möglich, denn jedes Mal, wenn die Flut das Meer zurückbringt, liegt die Passage du Gois bis zu vier Meter unterhalb der Meeresoberfläche. Klingt spannend? Ist es auch! Bei Youtube dokumentieren viele Videos, wie Autos unvorsichtiger Halter von den Wellen verschlungen werden. Nur in sogenannte Papageienkäfige, die die Passage bei Ebbe säumen, können sich die Unglücklichen retten, die von den Fluten überrascht werden. Allerdings sind die Sprossen steil und glitschig – mit Kind oder Haustier würden wir ungern gezwungen sein, diese emporzusteigen.

Und wir hatten noch etwas vor. Zum ersten Mal in unserem Leben wollten wir Pêche a Pied machen. Was auf Deutsch übersetzt so viel heißt wie Gezeitenfischerei, ist für viele Franzosen, die in Küstennähe wohnen eine unverzichtbare Freizeitbeschäftigung: So waten die Pêcheurs dem Wasser hinterher, wenn sich die Atlantikwellen weiter und weiter zurückziehen. Bewaffnet mit einem Graber und einem Körbchen oder Eimer graben sie nach den Köstlichkeiten, die der Schlick verborgen hält: Palourd, Herzmuscheln, Schnecken.

Das eigene Auto einfach ins Meer steuern? Für Franzosen an der Passage du Gois kein Problem

Das eigene Auto einfach ins Meer steuern? Für Franzosen an der Passage du Gois kein Problem

Auch wir wollen uns einmal als Pêcheurs versuchen. Und so haben wir uns vorab über die Regeln informiert – denn Werkzeuge, Fanggrößen und Mengen sind gesetzlich reglementiert. Pünktlich zur beginnenden Ebbe rollen wir mit unserem Passat auf die Passage du Gois zu. Etwas mulmig ist uns schon zumute, denn während sich die Reifen durch den glitschigen Schlick pressen, den das Meer auf der Fahrbahn zurückgelassen hat, scheint es so, als könnten die Wellen jeden Moment zurückkehren. Auf beiden Seiten stoßen sie gegen den Asphalt der schmalen Fahrbahn. Doch genau so langsam wie wir vorankommen, sinkt auch der Meeresspiegel. Plötzlich – wir haben etwa die Hälfte der Passage zurückgelegt, bremst vor uns der kleine Peugeot mit den französischen Kennzeichen. Ohne zu zögern steuert der Fahrer sein Auto langsam rechts von der Fahrbahn ins Meer. Wir schauen uns ungläubig an. Sollen wie es auch wagen? Obwohl wir nur Wasser und keinen Boden sehen? Wir wagen es! Und während wir den Kindern die Gummistiefel anziehen, folgen mehr und mehr Autos unserem Beispiel.

Pêche a Pied an der Passage du Gois

Pêche a Pied an der Passage du Gois

Für die Kinder ist es ein tolles Erlebnis. Wie bei einer Schatzsuche in einem riesigen Sandkasten buddeln und graben sie nach den kleinen Schalentierschätzen. Die meisten lassen wir wo sie sind. Sie sind zu klein und werden erst in einigen Monaten oder Jahren in die Körbe der Pêcheurs wandern.

Rund zwei Stunden sind vergangen, als wir mit einem vollen Eimerchen und glücklichen Kindern zurück ins Auto steigen. Doch bevor wir unseren Weg zur Île de Noirmoutier fortsetzen, lassen wir unsere Blicke ein letztes Mal wehmütig über den Horizont wandern und sind erstaunt. Wir zählen weit über 200 Personen auf dem Meeresgrund, die noch immer gebückt nach Muscheln und Schnecken graben.